SCHNITZELJAGD – Ein Erfahrungsbericht.

Der Zug geht um 15.53 Uhr. Was für ein Glückstag, dass David und ich einmal den früheren Zug erreichen. Normalerweise würden wir um diese Uhrzeit erst auf eine Mitfahrgelegenheit hoffen oder uns mit dem Bus, der jedoch erst in der letzten Minute am Bahnhof ankommt, auf die erste Etappe unseres langen Heimwegs machen. Heute hat uns der junge Martin mitgenommen. Ich war müde vom Tag, den langen Therapien und der neuen Selbsterkenntnis. Ich habe sehr wohl gewusst, dass die Tagesklinik anstrengend werden würde, doch dass die Arbeit mit sich selbst so mühsam sein konnte, das habe ich dann doch nicht erwartet. Dennoch bin ich dankbar, hier in der Klinik sein zu dürfen. In einem Land mit einem guten Sozialstaat geboren worden zu sein. Vielleicht sogar ein kleines Stück dankbar für meine Psychose.

Ich erinnere mich daran, dass ich eines Tages partout nicht einschlafen konnte, mich aber fürchterlich müde und erschöpft fühlte. Verzweifelt telefonierte ich mit meiner Mutter und erklärte ihr, dass ich am Ende war. Sie schlug vor, ich solle die Nacht bei ihr verbringen. Mit einem spürbaren Druck im Oberkopf, der sich bis in die rechten Zehen zog, lag ich schließlich auf ihrem Bett. Laut überlegte ich, ob ich denn die Rettung rufen sollte oder wir ins Krankenhaus fahren sollten, aber würde ich mich mit diesen Symptomen nicht lächerlich machen? Meine Mutter redete mich stundenlang in den Schlaf. Mein Denken und Sprechen schienen merklich verlangsamt. Etwa eine Stunde schlief ich dann letztlich wie ein Baby, um am nächsten Morgen wie von der Muse geküsst aufzuwachen: Lang ersehnte Kreativität gepaart mit Tatendrang waren endlich hier! Hatte ich doch so lange auf einen Motivationsschub gewartet, um endlich mit meiner Masterarbeit zu beginnen und für meine Uni-Prüfungen zu lernen – nun war es wohl soweit. „Wusste ich doch, dass ich Dinge schaffen kann“, dachte ich für mich. Verschiedenste kreative Ideen schossen mir in den Kopf wie ein Strom bunter, aufregender Pfeile, gleichzeitig zog ein zufriedenes und aufgeregtes Lächeln über mein Gesicht. Alles wird gut. Ich werde ein erfolgreiches Leben führen. So zuversichtlich war ich schon lange nicht mehr gewesen. Die Depression hatte mich in ein Loch fallen lassen. Es war um Martini 2016 (Anmerkung: Schutzpatronentag des Burgenlandes). Und es schien mir, als würde der Drehbuchautor meiner teilweise verrückten Träume plötzlich in das Bewusstsein treten und das Ruder übernehmen.                         

David erzählt mir von seiner Krankengeschichte und das über fünf Ortschaften hinweg. Er ist niemand, der Erzählungen ausschmückt. Ich höre gespannt zu und kann nicht anders, als Mitleid mit ihm zu empfinden. Zwar heißt es immer, dass niemand Mitleid möchte, doch ich bekomme es gerne. Es bedeutet schließlich, dass sich jemand in meine Situation hineinversetzt hat und mein Leid, das ich nicht abstreiten kann, fühlen kann. Ich bin einerseits neugierig, andererseits tue ich mir schwer, ihm zu folgen. Meine Konzentration ist vermindert. Oft geht sie auch dann, wenn es gerade interessant ist.                                                                                       

Zuhause angekommen erwartet mich Fridolin. Die Leute sagen, er sei ein richtiger Garfield. Ich finde den Vergleich anmaßend, Fridolin ist mein einzigartiges Baby. Ich vermisse ihn, wenn ich ihn zwei Tage nicht sehe und streicheln kann. Das Besondere an Fridolin ist, dass er sogar Bussis geben kann. Gut, seine Lippen sind quasi nicht vorhanden, doch die Bewegung, die er mit ihnen macht, kommt eindeutig einem Bussi gleich. Zahlreiche Tage und Nächte haben wir gemeinsam verbracht, schlafend oder spielend, er auf meinen Zetteln liegend, während ich versucht habe, zu übersetzen. Wie oft hat er mich doch daran erinnert, was im Leben wichtig ist: Guter Schlaf, ausgezeichnetes Essen und großartige Spielkameraden.          

Überaus gut gelaunt entschied ich an diesem Tag, meine Großmutter und meinen Onkel zu besuchen, die in unmittelbarer Nähe wohnen. Meine sonst so senile Großmutter war mitgerissen von meiner neuen Spitzenlaune. Auf ihre Fragen gab ich rasche und lustige Antworten, sie lachte wie seit Jahren nicht mehr. So erklärte sie, der „Chef“ würde gerade Tee für sie zubereiten (gemeint war mein Onkel) und ich antwortete auf ganz charmante Weise „Wieso bin ich nicht der Chef?“, woraufhin meine Großmutter angetan in Lachen ausbrach. In demselben Moment, in dem ich die Frage stellte, platzte übrigens die Thermoskanne in der Hand meines Onkels. Als ich ihren Namen bestimmt ausrief –  ich nenne sie liebevoll Granny – hob sie sofort den Kopf und war mir ganz Ohr. Eigenartigerweise schien ich plötzlich alle meine Gesprächspartner in meinen Bann zu ziehen.                                            

Granny entschied sich, ein Nachmittagsschläfchen zu halten, und ich beschloss, den Platz am Sofa neben ihr einzunehmen und es ihr nachzutun. Warum war ich müde und gleichzeitig so voller Tatendrang? Wie passte das zusammen? Ein wenig konnte ich dösen, ehe ich wieder aufgeweckt auf meinem Handy zu surfen begann. Ich ging auf eine Flohmarkt-Seite – vielleicht gab es ja ein paar gute Schnäppchen, für die es sich lohnen würde, Geld fließen zu lassen. Nicht dass ich dieses im Übermaß besaß. Ein Kasten, um Dinge zu verstauen – das war’s! Konnte man Kästen nicht immer gebrauchen, so mein Gedanke damals. Meine Suche ergab einen Volltreffer, und zwar einen wunderschönen Nussholzkasten! Doch der Preis wunderte mich: 184, 52 Euro. Wie kam man denn bitteschön auf 52 Cent? Ich klickte auf die Anzeige, um Genaueres zu erfahren. Der Aufgeber der Anzeige verwies auf EU-Rechte, nannte Preise, um dann wiederum zu behaupten, dass er sich kein Geld erwarten würde. Neben inhaltlichen Verwirrungen (waren diese Anzeigen ein Scherz?) war vor allem die Formulierung überaus witzig, sodass ich mich fragte, wer wohl dahinterstecken würde. Es war sofort klar, dass ich antworten würde. Nicht nur wegen meiner neuen Stimmungslage, Neugierde zählt zu meinen größten – wie ich sagen würde – Schwächen.

Diese Woche ist sogenannte Feedbackwoche in der Tagesklinik. Jeder von uns Patienten bekommt jeweils ein Feedback von den Therapeuten und von den Mitpatienten und steht für 30 min komplett im Mittelpunkt. Als ich an der Reihe bin und einige Fragen der Therapeuten beantworte, wird mir klar, dass ich nicht mehr weiß, wer ich vor der Psychose eigentlich war. Natürlich ist das im Grunde genommen eine philosophische Frage und man kann lange darüber diskutieren, ob man denn je überhaupt wissen kann, wer man ist. Dennoch finde ich diese Erkenntnis, in dem Moment als ich sie ausspreche, sehr erschreckend. Mit Sicherheit war ich anders als jetzt in der Depression. Mir kommt es generell so vor, als sei ich durch die Psychose oder durch die anschließende Depression um Jahre gealtert. Zwar sind die Falten nicht mehr geworden und waren vereinzelte graue Haare bestimmt auch schon vorher vorhanden, doch es fühlt sich an, als hätte ich in der Manie mindestens ein Jahrzehnt verpulvert. Doch erwachsen bin ich trotzdem nicht geworden, mein Inneres hält an der Zeit vor der Psychose fest, sehnt sich zurück nach den gesunden Zwanzigern vor dem Wahnsinn.

Wir haben diesen Auszug aus einem längeren Bericht von Mia Österreich erhalten. Den ganzen Bericht könnt ihr HIER nachlesen.